Stromlücke – falscher Mythos?
Freitag, 01. Oktober 2010 um 12:02
Erschienen in der "Neuen Zürcher Zeitung" am 20.09.2010
Energiediskussion mit Jürgen Trittin in Schaffhausen
Behindert das Festhalten an Atomkraftwerken Energieeffizienz und erneuerbare Stromerzeugung? Diese Frage stand im Zentrum der Schaffhauser Tagung «Wirtschaftsimpulse».
Caspar Heer, Schaffhausen
Die «Wirtschaftsimpulse» waren diesmal dem Thema « Energie – die nächste globale Herausforderung für die Wirtschaft » gewidmet und zogen rund 600 Wirtschaftsvertreter und Politiker von beidseits der Grenze ins Schaffhauser Stadttheater. Prominentester Gast war Jürgen Trittin, der frühere deutsche Umweltminister und jetzige Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90 / Die Grünen im Deutschen Bundestag.
Wie zu erwarten, war die Zukunft der Atomenergie ein zentrales Thema. Für Heinz Karrer, Geschäftsführer des Energiekonzerns Axpo, führt in der Schweiz keinWeg am Bau neuer Atomkraftwerke vorbei, denn der Stromverbrauch steige stetig weiter an. Gleichzeitig sprach er sich für die Förderung alternativer Energien aus. Kaspar Schuler, der Klima- und Energiespezialist von Greenpeace Schweiz, hielt dagegen: Man könne nicht gleichzeitig auf zwei Pferden reiten. Wer heute neue AKW baue, verpasse den Schritt in die Energiezukunft.
Sukkurs erhielt er von Trittin, der die drohende Stromlücke als falschen Mythos bezeichnete. Es sei verblüffend, wie schnell Deutschland bei der Umstellung auf neue erneuerbare Energien vorangekommen sei. Diese trügen heute bereits zu 17 Prozent zur Stromproduktion bei, was vor zehn Jahren nicht einmal die Grünen erwartet hätten. Scharf kritisierte er deshalb den Beschluss der Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die AKW-Laufzeiten doch wieder zu verlängern. Dies werde die Weiterentwicklung neuer Technologien massiv bremsen und bedrohe auch die Weltmarktführerschaft Deutschlands in diesem Bereich.
Uwe Krüger, Präsident der Exportplattform Cleanteach Switzerland, ist zuversichtlich, dass die hiesige Industrie dank reichlich vorhandenem Knowhow ebenfalls gute Karten bei den neuen Technologien hat. Wichtig sei aber, dass man in der Schweiz den Schwung nicht verliere. Wie Trittin forderte er, die Politik müsse klare und langfristig verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehörten auch Anschubfinanzierungen für innovative Techniken.
Diesbezüglich hat der ABB-Konzern laut seiner Schweizer Landeschefin Jasmin Staiblin schon heute viel zu bieten. So seien die technischen Lösungen bereits auf dem Markt, um die sehr mangelhafte Effizienz in der Energiekette von der Produktion bis zum Endverbraucher markant zu steigern.
Ein weiteres Beispiel für eine einsatzbereite, aber noch selten genutzte Technik seien drehzahlgeregelte Antriebe, die Energieverschwendung bei industriellen Prozessen verhindern und damit gigantische Einsparungen ermöglichen würden. Oft fehle heute nicht die Technik, sondern die Investitionsfreude. «Wir müssen die Zukunft gestalten, nicht nur verwalten», forderte die ABBManagerin eindringlich.
Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung

